Liebe Nettersheimer
und liebe Leser von Jung bis Alt...
An dieser Stelle finden Sie und findet Ihr ab sofort die Geschichten von
den beiden Wichten aus Nettersheim,
so wie sie im Gemeindeblatt abgedruckt sind.
Falls also einmal eine Ausgabe
 "verschütt "gegangen ist, kann man hier nachlesen, was sich tut und was passiert ist!
Ab heute, 11.4. 2002 kann man den allerersten Teil der ersten Geschichte verfolgen und dann geht es im 14tägigen Rhythmus weiter.Am Ende des Monats gibt es auch einen Preis zu gewinnen, wenn Ihr aufmerksam lest!
Viel Spaß beim Lesen wünscht Euch allen
Brigitta Brand

Liegrümchen und Unterwegschen ,

die Landwichte  aus Nettersheim

 

 

1.            Geschichte: Die Römer


 

I.       Die Römer

Erstes Kapitel

 

„ He, du, Liegrümchen, liegst du noch und schläfst oder bist du schon wach?“

Mit diesen Worten weckt Unterwegschen jeden lieben Morgen seinen Freund, und wie der es nennt: zur nachtschlafenden Stunde: nämlich  um 5 Uhr.

„ Bist du denn verrückt?“, klingt es prompt aus der hinteren rechten Ecke des Zimmers zurück. „Nie lässt du mich ausschlafen!“

„Mensch, Liegrümchen, nun werd aber mal munter! Du weißt doch, heute ist doch DER Tag!“

„ Ach so, jaaa, “ kommt  es verschlafen, aber mit einem nicht zu überhörenden Funken Neugierde  aus derselben oben beschriebenen Ecke des Zimmers zurück. „ Ich werde ja schon wach. Wart` mal noch ein Weilchen, ich dreh mich nochmal kurz um….“, und schon hört  man, auch als unsichtbarer Leser, ein feines, ziependes Schnarchen. Ein Zeichen, dass Liegrümchen wieder das Land der Träume aufgesucht hat.

„ He, du, Liegrümchen, das gilt nicht! Wir wollten doch heute ins Abenteuer aufbrechen, haste das vergessen?“

Und schon sitzt Liegrümchen  hellwach, jedenfalls mit dem Oberkörper, die Beine noch mollig warm versteckt unter der Decke, in seinem Bettchen und setzt ein freundliches Gesicht auf:“ Nun gut, Unterwegschen, da bin ich. Abenteuer sind gut. Im Traum wie hier bei uns in echt. Wohin willst du denn heute?“

„Tja“, Unterwegschen setzt sein „Spannung-pur-Gesicht“ auf. Dann schaut er Löcher in die Decke und verdreht die Augen, so ganz nach oben. Dann muss Liegrümchen auf jeden Fall immer lachen; und das heißt auch: er ist endgültig wach!

Unterwegschen fängt an, zu erklären: „Gestern habe ich in der Zeitung geschnuppert…, äh, gelesen, dass es hier bei uns  in Nettersheim eine römische Kleinstadt geben soll. Na, nicht wirklich, aber so halb jedenfalls. Also, verstehste, die Römer sind nach Italien zurückgegangen und  haben damals ihre Stadt einfach vergessen und  Gras über sie wachsen lassen. Und wir haben nun ihre Überreste übrig. Versteehste?“

„ Nee“, hallt es aus der Ecke, „muss ich das? Die Römer sind doch schon so  lange ausgestorben oder so ähnlich. Sicher, es gibt noch ein paar Italiener, aber die furchteinflößenden, mächtigen, oberschlauen Römer, die gibt es doch so ganz und gar nicht mehr. Und da soll jetzt noch Müll von denen sein? Ich glaub dir nichts!“

„Hör zu, Liegrümchen “, Unterwegschen wird ein wenig ungeduldig, „denk mal: die Römer sind  zwar, sagen wir mal, verschwunden, aber: sie haben einfach alles hinterlassen, wo sie gelebt haben. Keinen Müll, sondern ihre Wohnhäuser, ihre Schulen,  Straßen, sogar Straßenschilder, Grenzstationen  und wer weiß was, alles!  Das Beste  aber ist: So  weit habe ich noch nie zurückgezählt, aber es sind soooo viele Jahre vergangen, dass mir ganz schwindelig wird, denke ich an solch große Zahlen. Aber, was ich gelesen habe: unter dem Acker warten  ´ne Menge Steine auf uns und das heißt:  Abenteuer!“

Wenn Unterwegschen eine klasse Idee hat, hält  ihn so fast gar nichts mehr zu Hause, denn er ist sehr neugierig. Nun, wenn man ein etwa 15 cm großer Landwicht  ist, in einem Bücherladen in der linken Ecke hinter den Märchenbüchern wohnt und sich immerwährend mit Lesestoff versorgen kann (und das auch noch kostenlos), ist die Neugierde auf die Welt schon in Schwung gebracht, ehe so ein kleiner Kerl überhaupt aufgewacht ist. Ihr habt richtig gehört: die beiden Wichte  wohnen seit einigen Monaten im Kinderbuchladen in Nettersheim. Nachdem sie ein paar Tage ohne festen Wohnsitz in Nettersheim  nach einer Bleibe gesucht hatten, fanden sie, dass ein Buchladen ein nahezu idealer Ort wäre, um den Rest des Lebens zu verbringen. Dort kann es ja schließlich nie und nimmer langweilig werden.

Sein Freund, Liegrümchen, der etwas ruhigere Wicht, den ihr ja auch schon kennen gelernt habt, geht das Leben und alles überhaupt etwas gelassener an. Obwohl er sich schon auf so manches Abenteuer mit seinem Freund eingelassen hat, das er auf keinen Fall hätte vermissen wollen. Er will also auf der Hut sein, nichts verpassen. Am Ende könnte er ja wieder schlafen und träumen…

Liegrümchen ist also aufgestanden, reckt seine kleinen, putzigen Glieder in alle Richtungen  und will dann doch wissen:„ so, das mit den Steinen musst du mir noch erklären. Wieso sind Steine  interessant?“

„ Na, siehste, die Steine waren ja nun auch mal aufgebaut. Sie standen  alle übereinander, jedenfalls in einer bestimmten, beabsichtigten Form. Man kann aus Steinen Burgen bauen, ganze Wehranlagen, Straßen damit pflastern…“

„ Brrr, und Schulen damit bauen, ach ja, die armen Römerkinder wurden bestimmt  auch schon von Lehrern gequält!“  „ Ach, Liegrümchen, du hast doch noch nie einen Lehrer überhaupt von nah gesehen. Wie wäre es, wenn wir, du und ich, heute mal zum Steinrütsch gehen und uns etwas umsehen?“

Liegrümchen kann es nun  gar nicht verbergen, dass er absolut gespannt ist. Er hilft seinem Freund beim Frühstück machen, damit sie schneller losforschen können. Übrigens ein Landwichtfrühstück im Buchladen sieht immer so aus: Die beiden merken sich beim Lesen die Bücher und die genaue Seitenzahl, wo etwas  vom Essen erzählt ist, und dann schlagen sie bei Bedarf das ausgesuchte Buch auf, holen sich z.B. den guten Pflaumenkuchen von Kasperls Großmutter aus den Seiten raus und essen ihn einfach auf!

So läuft das auch an diesem Morgen ab. Großmutter hatte jedoch zum Glück so viel Pflaumenkuchen gebacken, dass sie sich noch ein ordentliches Stück auf ihre Entdeckungsreise mitnehmen können.

Sie machen sich auch keine Gedanken, was Kasperl und Seppl wohl denken, wenn sie den Verlust des Kuchens entdecken. Sollen sie doch denken, dass es mal wieder der Hotzenplotz war…

Liegrümchen und Unterwegschen haben vor kurzem ein Loch entdeckt  in der Hauswand zwischen der Treppe, die aus dem Keller führt und ihrem Domizil. Am Anfang war es ziemlich schwere Arbeit, immer die grüne schwere Holztür aufzubugsieren, wenn sie mal wieder frische Eifelluft brauchten. Da kam ihnen das Loch, durch das öfters mal eine Maus Ein- und Ausgang fand, gerade recht. Sie hatten einen Vertrag mit der Maus geschlossen: sie bekommt eine Untertasse voller  Speck aus dem Schlaraffenland,  dafür dürfen sie raus- und reingehen, wann sie wollen.

Jetzt geht`s los!

 

Die Treppe ist schnell erklommen; jetzt müssen sie die  Holztüre im Zaun aufziehen, dann liegt der Weg offen, um durch die Steinfelder Straße und dann weiter durch den Ort in den Wald zu kommen. Liegrümchen hat noch eine wichtige, lebenswichtige Idee: „ Lass uns noch beim Eisman guten Tag sagen, der ist wieder im Lande!“ „Ja, du Rüpel, >guten Tag sagen<  heiß bei dir ja: Eis schnorren. Na meinetwegen, deine Idee ist nicht zu verachten.“ Ihr müsst wissen, dass der Eismann einer der wenigen Menschen in Nettersheim ist, der die kleinen Wichte kennt. Er ist ein achtsamer Mensch, finden die beiden Wichte und deshalb sieht er sie auch, denn er gibt ihnen immer ein kleines Portiönchen Eis,– so  ohne Geld, denn das haben die beiden ja nicht.

„ So, jetzt aber weiter….du kugelst ja fast, Liegrümchen! Da vorne, hinter dem Bahnübergang geht es rechts rum, am KuBa vorbei immer geradeaus. Weißt du noch, letzte Woche waren wir doch am Spielplatz, von dort müssen wir immer geradeaus wandern!“ Unterwegschens Beine haben ein ganz schönes Tempo drauf, bei dem Liegrümchen in Schwierigkeiten gerät, mitzuhalten. Am liebsten würde er auch bei den Werkstätten anhalten und sich das kleine Museum anschauen. Er lässt sich aber auch allzu gerne ablenken. Da gibt es einfach zu viel zu sehen für solche Neugiernasen wie ihn. Nun ja, die Erinnerung an das Spielplatzabenteuer von letzter Woche hält ihn dann doch auf Trab. Vielleicht kann er nochmal einen Blick erhaschen auf den Höhleneingang zum unterirdischen Röhrenystem, das sie entdeckt hatten.

Aber bis heute ist wieder einiges an Gras und Kräutern gewachsen, die Sonne hatte in der letzten Woche viel Kraft gegeben, so dass man jetzt leider nichts mehr mit bloßem Auge entdecken kann. Liegrümchen vergisst seine Enttäuschung darüber einfach und freut sich königlich auf das neue Abenteuer, das Unterwegschen angekündigt hat.

Sie wandern entlang des Waldes, finden auch ein paar (echte) Erdbeerchen, die der Frühsommer schon hervorgebracht hat. Am Römerweiher setzen sie sich still an das Ufer und beobachten die Libellen, die zu hunderten über die Wasseroberfläche tanzen. Bedenkt, dass die Azurjungfern, so heißen diese Libellen, für die beiden Wichte ja um ein vielfaches größer sind, als für uns Menschen! Sie haben wirklich  Respekt vor diesen wunderschönen, blauschimmernden Gesellen, weiß man doch nie, wohin sie mit ihren zackigen Bewegungen als nächstes fliegen.

 „Nur  5 Minuten Ruh! Dann sollten wir weiter gehen. Los, Liegrümchen, du kannst sie dir doch auch noch später anschauen. Musste halt mal hierher wandern, anstatt immer so müde zu Hause rumzuliegen oder  immer nur zu lesen!“

„ Gar nicht Immer! Du bist immer nicht zu Hause, weil du so unerhört neugierig bist!“

Über diese kleine Auseinandersetzung, deren Inhalt ich nicht wiedergeben möchte,( Wichtelgeschimpfe eben), haben sie das weite Tal und den Steinrütsch erreicht, wo die Archäologen vor kurzem mit ihren neuartigen Messinstrumenten verborgene Sachen unter der Erde entdeckt haben. Und diese unsichtbaren, besser gesagt: vergrabenen Dinge sind es, die die beiden Wichte schier vor Neugierde zum Platzen bringen können. Was sie da nicht alles entdecken könnten, wovon die Menschen nichts wissen!!??

„So“, beginnt Unterwegschen,  „jetzt müssen wir Glück haben. In diesem riesigen Areal einen geeigneten Eingang nach unten zu finden ist eine große Aufgabe. Schnell noch das Buch vom Schlaraffenland aufgeschlagen!“ Das lässt Liegrümchen sich nicht zweimal sagen, schon hat er es aus Unterwegschens Rucksack herausgeholt, schlägt die Seite mit den köstlichen Getränken auf, und, Schwups, genießen sie den grünen Limonadenapfelsaft, um sich für das kommende Abenteuer zu stärken.

„Da! Ha, Glück gehabt! Ein Hase!“

 „Wieso, bringt ein Hase Glück? Ich dachte, das machten die Schweine!?“, Liegrümchen stellt sich dumm. „ Ach du, ein Hase baut bekanntlich Gänge in die Erde zu seinem Bau! Wenn er mit sich reden lässt, lässt er uns vielleicht bei sich rein und  wir schauen dann mal, ob es von dort aus weitergeht!?“ Unterwegschen verdreht schon wieder seine Augen, das macht er auch, wenn er einfach nur aufgeregt ist.

„Ok, dann lass uns mal loslaufen!“ Die beiden wuseln mit ihren 4 Beinchen quer durch die Wiese in Richtung Hasenbau. Wärest du einer der Mäusebussarde, die gerne über dem Steinrütsch kreisen, hättest du was zum Schmunzeln, denn ihr Gerenne hat wirklich was Filmreifes!

Etwas atemlos, mit viel Herzklopfen, kommen sie am Eingang des Baus von Meister Lampe an.

„Pscht!“, Liegrümchen hält seinen Zeigefinger an die Lippen und bedeutet seinem Freund, dass er mal leise sein soll, denn der hätte beinahe schon ausgeholt, um Lampe aus der Wohnung zu rufen. „Horch mal, er bringt gerade seinen Sohn zum Schlafen! Und er flüstert: >weißt du eigentlich, wie lieb ich dich habe?< ... Kenne ich irgendwie, habe ich schon mal gelesen.“ Unterwegschen grinst, denn er kennt das Buch natürlich.

Die beiden Landwichtel stehen wie in Harz gegossen da und beobachten, wie der Hasenvater langsam aus dem Bau tritt, seinen kleinen Hasensohn schlafend im Arm. „Ja, guten Morgen, euch habe ich ja lange nicht geschnuppert! Wie geht es euch, was macht ihr heute, kann ich mit?“ „ Ach, guten Tag, Lampe!“,

Liegrümchen ist etwas zu laut, Lampe und Unterwegschen zucken zusammen, weil sie doch nicht möchten, dass der kleine Hase aufwacht!  „Nochmal: Pscht!“, ermahnt ihn Unterwegschen und flüstert: „ Lampe, wenn du mit möchtest, musst du schon den ganzen Tag einplanen! Hast du denn dafür Zeit?“ „ Ach, wenn ich es so recht bedenke, bleibe ich lieber zu Hause, den ganzen Tag kann ich mir nicht freinehmen, da bekomme ich sonst vielleicht Ärger….., aber sagt mal, was habt ihr denn vor? So wie es ausschaut, wollt ihr ja tatsächlich länger unterwegs sein?! Der Rucksack ist ja vollgepackt….“. Und neugierig fragt er weiter: „mit Essensvorräten etwa?“

Die beiden Wichtel grinsen: „Du weißt doch, das brauchen wir nicht!“ und Unterwegschen fügt hinzu:  „Ich schleppe die feinsten Bücher mit, dann bekommen wir stets absolut frisches Essen. Nicht dass du denkst, wir essen das Papier…nein, aber die leckeren Dinge, die uns die Schriftsteller im Buch hinterlassen haben, hach, das ist soooo toll!“

Meister Lampe guckt erstaunt. „Habt ihr denn auch etwas für mich????“

„ Lass mal sehen, ja…, da wäre Karo Karotte….aber das ist ja ein Kind, das kannst du nicht essen...es muss schon etwas Essbares sein“, antwortet Liegrümchen, der Fachmann für Kinderbücher. „Wie wäre es mit: >Gross werden ist schön, sagte die Tomate<, das lassen wir dir hier zum Üben! Wenn wir wiederkommen, erzählst du mal, ob es dir gelungen ist, dir den Buchinhalt in den Bauch zu schlagen!“ Die zwei Wichtel halten sich ihre Bäuche vor Lachen, denn sie können sich nicht vorstellen, dass ein Wesen, das nicht im Buchladen wohnt, so eine Zauberei zustande bringt.

„ Ist in Ordnung. Ich werde es schon schaffen, glaubt es mir!“ Hase zeigt  sein beleidigtes Gesicht, was man nicht oft sieht.

 „Was kann ich denn für Euch tun?“, schon ist er wieder versöhnt.

„ Du Lampe, wenn du es nicht weiter erzählst: wir sind auf Römerforschung! Jaha.Ich habe gelesen, dass sich hier unter dem Boden, worüber du den lieben langen Tag läufst, ohne zu ahnen, auf welch hochwichtigen Grund du herumhopst, eine römische Kleinstadt verbirgt! Was sagste nun?“Unterwegschen fängt wieder an, die Augen zu verdrehen, was Lampe dazu veranlasst, einen mächtigen Lachanfall zu bekommen. Könnt ihr euch ja vorstellen!

„ Du nimmst mich wohl nicht ernst? Das ist staubernst! Das ist so was von wahr, bei meiner Wichtelehre, bei allen prächtigen Kinderbüchern, es ist wahr. Seit Jahren lebt deine Familie auf einer Wiese, die es vor, sagen wir mal, 2000 Jahre hier noch nicht gab.“

Plumps,… da ist Unterwegschen umgefallen. Konnte man sich ja denken, denn er hatte diese schwindelerregende Zahl ausgesprochen und das hat ihn umgehauen. Die beiden helfen ihm wieder auf die Beine, was sich schwierig gestaltet, denn das Gewicht des mit unzähligen Büchern bepackten Rucksackes, zieht den kleinen Wicht immer wieder zu Boden.

Als er sich wieder berappelt hat, fährt er fort: „Die Wissenschaftler aus Köln habe mit so merkwürdigen Geräten unter dem Boden geforscht, ohne ihn auch nur irgendwie zu zerstören. Dazu brauchten sie Messgeräte, die Signale ausgesendet haben. Danach wussten die Archäologen...“ (Unterwegschen wird, während er spricht, ein wenig rot…vor Stolz über das schwierige Wort, das er geschafft hatte, auszusprechen), „dass es hier eine Kleinstadt, ein Vicus, gab. Und sie wollen das auch ausgraben, so dass sich die Menschen das alles anschauen können.“ Unterwegschen wird nun still, denn auf einmal wird ihm klar, dass Lampes Familie dann wohl umziehen muss, wenn die Graberei  anfängt. Aber so weit denkt Lampe nicht. Er möchte nur noch, dass er bald mit dem „Essen-Üben“ anfangen kann, solange sein Sohn noch schläft.

„ Und ihr wollt wohl jetzt schon mal da runter, stimmt`s? Da kann ich euch zumindest in meinen Bau einladen, dann seid ihr schon mal eine Etage tiefer als sonst. Wie es weiter gehen könnte, müsst ihr dann selbst herausfinden!“

„ Danke, Lampe!“ Liegrümchen will nun auch endlich unter die Erde…zum Forschen, natürlich. „ Ich fühle mich wie die Wawuschels, die wohnten ja auch unter der Erde im Berg…ob ich grüne Haare kriege, wenn es runter geht?“

„Wir werden es sehen. Ich fühle mich eher wie Kalle Wirsch, so königlich und mutig! Lass uns gehen, mich kribbelt`s!“, erwidert Unterwegschen.

Bevor sie sich bücken, um in den Hasenbau zu rutschen, muss Lampe erst noch seiner Familie erklären, warum sie den Wichten den Zugang in die Tiefe erlauben sollen. Dann kann endlich der unterirdische Ausflug beginnen.

„ Unterwegschen! Halt! Hättest beinahe nicht das Pferdefuhrwerk  gesehen!

Hier müssen wir aber höllisch aufpassen! Das hätte ich nun überhaupt nicht gedacht, dass wir haarscharf an einer Straße landen, wo noch Verkehr ist!“ ruft Liegrümchen erschrocken. Gerade noch hat sich Unterwegschen vor den galoppierenden Pferden, die ein Gespann hinter sich her ziehen, gerettet. Ein römischer Soldat peitscht auf die armen Pferde ein, um schneller durch die belebte Straße aus dem Ort rauszukommen. Gleich hinter ihm überfüllen andere Fuhrwerke die Straße, sie fahren sichtlich geordneter und haben weitaus ruhigere Menschen an Bord, als den hektischen Legionär von eben…Die Wichte sehen die Damen und Herren, in ihren Sänften sitzend den Kopf schütteln über den Raufbold, der ihnen die Straßen seit geraumer Zeit unsicher macht. Es wird nun wieder ruhiger und die beiden Wichtel können sich von ihrem Schreck schnell erholen.

 „Das hat die Erde also verborgen: römisches Leben pur!“, selbst Unterwegschen zeigt sich überrascht, obwohl er doch mit etwas „Römischen“ gerechnet hatte. „ ich schlage vor: wir stärken uns noch, es könnte hier anstrengend werden.“ Er nimmt seinen Rucksack vom Rücken, angelt sich >Michel aus Lönneberga< heraus und schlägt die Seite auf, wo Michel die ganzen guten Würstchen, die seine Mutter in der Vorratskammer aufgehängt hatte, aufessen wollte. Aber die Wichtel sind schneller als Michel. Jeder stibitzt sich sich kurzerhand 2 Würste von der Stange und beißt voller Appetit hinein. Dass Michel hinterher 4 Würstchen fehlen, merkt er ja sowieso nicht, bei der Menge, die er verdrücken kann!

„ Guck mal, was hier steht: Agrippastraße.“ Liegrümchen kaut noch am Zipfel des letzten Würstchens, will aber schon mehr wissen und schaut intensiv auf ein Straßenschild, das neben ihm aufgebaut steht. Es ist ein großer Brocken Stein, in den ein Steinmetz die Buchstaben eingemeißelt hatte. Ein Pfeil deutet nach Nordosten. Da steht: Köln. Der andere in eine entgegengesetzte Richtung: Trier. Liegrümchen liest es vor und meint am Ende: „ Und jetzt?“ Unterwegschen kann es nicht fassen: „ wie, „und jetzt“? Willst du nach Köln? Dafür brauchen wir mehrere Tage! Wir bleiben hier und machen uns schlau. Was in Köln abgeht, können wir hier auch erleben, ist eben nur etwas kleiner alles. Komm, da hinten sehe ich viele Leute! Da scheint was los zu sein. Oh, mich kribbelt`s!“ Schon wieder verdreht er die Augen und Liegrümchen muss die Luft anhalten, damit er nicht laut loslacht. Er hat aber den Eindruck, dass die Menschen die beiden Wichte  nicht sehen können, vielleicht auch nicht hören. Noch niemand hat sie angeschaut, denn das hätten sie mit Sicherheit getan, denn so was gab es wohl zu Römerzeiten noch nicht: Wichte mit braunen Hosen, verschieden bunten Hemden und Lederjäckchen,dazu noch aprikosenfarbene , struppige Haare als Krone des ganzen. Zumindest hätten sie bemerkt, dass sie keine Zipfelmützen trugen. Also, schlussfolgerten die beiden, würden sie erst gar nicht gesehen. Das war gut, so hatten sie jegliche Freiheit, die sie zum Forschen brauchten!

Wieder wuseln sie sich zum Marktplatz vor, wo sie einige Marktstände aufgebaut, Händler ihre Ware anpreisen und vor allem viele Kinder in bunten Tuniken  herumlaufen sehen. Es gibt Stände mit Esswaren,  Töpferwaren aller Art, Schuhe in großen Mengen, Kleidung für Groß und Klein, es ist überwältigend, was die Wichte zu sehen bekommen. Unterwegschen haben es besonders die Krüge und Schüsseln angetan. Er meint sogar, sie wieder zu erkennen, denn er hatte schon einmal auf dem Steinrütsch nach einem heftigen Regenfall so allerhand Scherben gefunden, die er heimlich als seinen „Römerschatz“ im Buchladen hortete. Nun hat er die Gewissheit: sie waren tatsächlich Produkte der Römer. Es gibt auch einen Stand, wo man Wein kaufen kann. Dieser ist bereits in Tonkrügen abgefüllt und so mancher römische Mann bietet erfolgreich genug Geld, um den Wein mit nach Hause nehmen zu können. Liegrümchen und Unterwegschen denken nur: den können wir auch haben ohne Geld, denn Rotkäppchen hat irgendwie immer genug im Körbchen für die Großmutter…

Sie gehen nun weiter und der Weg führt sie an den Rand des Marktes. Hier verspüren sie eine besondere Atmosphäre, die ihnen so bekannt vorkommt. Und dann sehen sie es: einen Geschichtenerzähler! Eine Menge kleiner Kinder sitzt einfach auf dem staubigen Straßenboden ,mucksmäuschenstill, und hängt ihm an den Lippen, denn er erzählt ihnen gerade eine spannende Geschichte von den griechischen Helden Herakles und Dionysos, von den Göttinnen Demeter und Hera. „ Aha, also gab es bei den Römern auch schon Märchenerzähler wie wir sie aus unserem Laden kennen? Das wusste ich nicht“, stellt  Liegrümchen fest und lauscht den Erzählungen, die ihn mächtig in Bann ziehen.

„ Ach, komm doch mit mir. Geschichten kannst du doch jederzeit haben. Lass uns mal den Leuten folgen, die dahinten in eine Richtung zusammenlaufen!“

Liegrümchen muss sich wohl oder übel vom Geschichtenerzähler loseisen, aber er schwört sich, dass er zuhause bestimmt die griechischen und römischen Heldensagen lesen wird…

 Sie gesellen sich zu der Menschenmenge, die sich  in Richtung eines Hügels fortbewegt. Voller Neugierde lassen sie sich mitziehen und sie lauschen, was die Menschen sich auf dem Weg zu erzählen haben.

 Du hast dich sicher schon gefragt, ob die beiden die Sprache der Römer verstehen? Ihr müsst sie ja in der Schule erst erlernen, um auch nur einen Zipfel zu verstehen. Hier plappern die Menschen munter sogar in allen möglichen Sprachen herum: lateinisch, germanisch und gallisch.

 Die beiden Wichte können dies alles sehr gut verstehen. Sie selbst hatten ja schon von Kindesbeinen an in ihrer Wichteschule diverse Sprachen lernen müssen. Und da sie ja schon einige hundert Jahre alt sind, um genauer zu sagen: Liegrümchen 567 Jahre und 22 Stunden und Unterwegschen eine Stunde jünger, so ist es klar, dass sie damals noch die alten Sprachen gelernt hatten, die ihre Vorfahren selbst noch sprachen.

 So erfahren sie denn, dass sich die Menschen zum Tempelbezirk begeben wollten, um vor ihrer Abreise in ihre Dörfer den Göttermuttern zu huldigen.

Sind die Leute draußen noch laut und erzählen sich bis zur letzten Sekunde noch die neuesten Nachrichten vom Kaiser in Rom, so still wird es mit einem Mal im Tempel. Ruhig und in sich gekehrt sitzen die Menschen auf dem Steinboden und beten.

Liegrümchen stellt fest, dass die Nettersheimer Kirche wenigstens Bänke für die Gläubigen hätte, das Beten sei anscheinend trotzdem eine erfrischende  Sache, denn die Menschen, die den Weg nach draußen antraten, sähen glücklich und zufrieden aus. „ Na, ich glaube, die werden noch müde, weil sie  jetzt noch eine anstrengende Reise nach Hause vor sich haben. Viele kommen einmal im Monat hierher, um ihren Haushalt wieder zu bevorraten, sich einzukleiden, sich zu amüsieren. Nun neigt sich der Tag dem Ende zu und der Spaß ist vorbei.

Lass uns noch ein wenig in die Straßen abseits der großen Agrippastraße gehen.

Hier stehen ja interessante Häuser!“, stellt Unterwegschen fest.  „ Ja, ich erinnere mich, was ich gelesen habe: Streifenhäuser! Sie sind sehr schmal  und reichen an der Längsseite von der  Straße weg, um möglichst vielen Grundstücken einen Zugang zur Durchgangsstraße zu gewähren. Die Häuser können bis zu 40 Meter lang sein, sind aber nur zwischen 5 und 16 Meter breit. Schau, die Giebelseite ist zur Straße hin angelegt.  Dann  können die Leute aus dem Fenster schauen, wie in Nettersheim auch heute. Und da sieh mal einer an: ein Laden mit Käse! Köstlich duftet das!“ Liegrümchen ist begeistert.

 Unterwegschen ist schon wieder übermütig, rennt ohne Rast über das Kopfsteinpflaster, ohne zu schauen, ob Liegrümchen überhaupt noch mit kommt! Aber der lässt sich nicht lumpen und ist genau so schnell wie sein Freund bald atemlos vor einem größeren Gebäude angekommen.

„Das riecht nach Schule, ich sag` es dir!“, Unterwegschen ist sich ganz sicher.

„ Hab ´ich doch gesagt: die armen Römerkinder!“

„ Still, horch mal!“ sagt Unterwegschen, “ich höre da eine mächtige Stimme, die irgendwas erzählt! Komm, wir schleichen uns mal rein. Ich will doch wissen, wer da so laut was zu sagen hat!“ Und schon erklimmen sie eine steinige Treppe hoch in den ersten Stock, wo sie hinter einer Türe schon wieder eine Männerstimme eine flammende  Rede halten hören können. Kurz um die Ecke geschaut, da wissen sie auch schon, was los ist: da sitzen eine Reihe junger Männer, also keine Kinder und lauschen dem Redner am Pult. Ein älterer Mann steht im Abstand von der Klasse und macht sich Notizen auf eine Pergamentrolle. „ der riecht nach Lehrer“, meint Unterwegschen. Seine Nase hat ihn nicht betrogen. Es ist tatsächlich der „rhetor“, der seine Schüler in der Sprachkunst, der Politik und der Philosophie unterrichtet.

„ Wo sind denn nur die kleinen Kinder? Haben die frei?“ „ Ich glaube, die werden nicht in einem Schulgebäude unterrichtet. Die haben wir eben auf dem Marktplatz gesehen. Dort bekommen sie Unterricht. Es sieht so aus, als hätten die noch nicht so einen Stress wie unsere Kinder, die wir aus Nettersheim, Bad Münstereifel und Blankenheim kennen. Das ist hier alles nicht so streng.“

„ Die Sonne geht langsam unter! Unterwegschen, ich mag nun nicht mehr unterwegs sein. Ich wäre lieber wieder im Buchladen, in meinem Bett. Für meinen Geschmack habe ich nun genug für heute. Lass uns wieder nach Hause gehen.“ Liegrümchen macht einen bedauernswerten Eindruck. Unterwegschen kennt seinen Freund genau, darum nimmt er ihn an der Hand und geht in aller Ruhe die Straßen zurück, die sie bisher gegangen waren. Sie prägen sich die Gesichter der römischen Menschen ein, merken sich, wie sie gekleidet sind, wie sie sprechen, wie sie lachen. Es ist sehr viel zum Merken, aber interessant, denn die Menschen verhalten sich gar nicht so viel anders als die Menschen, die die Wichte von ihrem Wohnort kennen.

„ Vielleicht sind die Leute von heute in Nettersheim nur einfach noch eine Spur netter“, meint Liegrümchen und denkt dabei an Alis Eis.

Sie erreichen das Straßenschild, an dessen Inschrift sie sich zuerst orientiert hatten. Gut, dass sie hier geblieben waren, sonst hätten sie vielleicht nicht so viele Eindrücke mit nach Hause nehmen können. Und das von einer Ortschaft, wo sie ihr Zuhause haben.

„Und jetzt?“, kommt euch diese Frage bekannt vor?

Liegrümchen fragt anscheinend zu Recht. Wie kommen sie denn jetzt aus der Geschichte raus?

„Mhm, wenn das mit dem Essen aus den Kinderbüchern klappt, dann sollten wir es einmal ausprobieren, ob es nicht auch andere Gelegenheiten gibt, wo uns ein Buch nützlich sein kann. Mir kommt da so eine Idee: du kennst doch Nils Holgersson, der mit den Wildgänsen fliegt. Vielleicht würde uns die Gans Martin nach Hause fliegen, wenn wir ihn rufen? Was meinst du?“

Doch Unterwegschen ist skeptisch: „ Der müsste ja extra aus Schweden zu uns in die Eifel kommen, ich glaube, das können wir ihm nicht zumuten. Lass mich mal nachdenken…es muss schon jemand sein, der zumindest in Deutschland wohnt. Nun, da fällt mir der kleine Häwelmann ein. Vielleicht hat er noch ein bisschen Platz in seinem Rollbett!“

„ Gut, lass uns ihn herbei denken!“ und sehr bald haben die beiden Wichte den Häwelmann neben sich stehen und  der ist sehr stolz, dass er diese beiden Wichte nach Hause chauffieren darf. Das fliegende Bettchen braucht keine 5 Minuten, um wieder vor dem Kinderbuchladen in der Nettersheimer Straße zu landen.

Der  kleine Häwelmann verabschiedet sich auf die Schnelle, weil er noch eine Verabredung mit dem Mond hat. Dabei fällt unbemerkt sein Schmusetuch aus dem Bett und landet sanft direkt vor Liegrümchens Füße. „ Ob ich das als Andenken behalten soll?“ fragt Liegrümchen und hofft, dass niemand „nein“ sagt. Wer denn auch? Der Häwelmann hat bereits den Rückflug begonnen. Seit diesem Tag schleppt er übrigens das Schmusetuch vom Häwelmann mit sich, egal wo er hingeht. Unterwegschen und Liegrümchen schauen dem Kinderbuchfreund so lange nach, bis sie das fliegende Rollbett nicht mehr von den Sternen unterscheiden können.

Noch ein paar Stufen, durch das Mauseloch und dann finden sich die beiden wieder in ihrer gewohnten Umgebung wieder, wo sie sich so wohl fühlen.

Liegrümchen sehnt sich nach seinem Bettchen in der linken Ecke des Zimmers, hinter den Märchenbüchern und Unterwegschen braucht auch nicht lange, bis er es sich zwischen den Bilderbüchern in der alten Wiege gemütlich gemacht hat. „ Oh, wir müssen noch Zähne putzen! Jetzt aber los!“ Unterwegschen ist zwar der jüngere der beiden, aber auch der, der Verantwortung übernehmen kann, also auch für die Zähne. Eines Tages nämlich hatte er >Karius und Baktus<  gelesen und seitdem kam es einfach überhaupt gar nicht mehr vor, dass sie ohne Zähneputzen ins Bett gingen.

„Und morgen, was machen wir morgen?“ fragt Liegrümchen mit frisch geputzten Zähnen, aber sehr müde seinen Freund.

„ Ich lasse es mir mal durch den Kopf gehen. Vielleicht besuchen wir mal den Herrn Bürgermeister im Rathaus. Oder besser: wir treiben mal was Schabernack im Jugendgästehaus  oder spielen im Museum des  Naturzentrums mit Olly bei den Enten und Füchsen…oder…“, dann hört  man nichts mehr.

Sie sind eingeschlafen unsere Nettersheimer Abenteurer.

Was sie im Traum erleben, bleibt  ein Geheimnis, aber morgen dürfen wir wieder dabei sein, wenn sie sich im  Naturerlebnisdorf Nettersheim umsehen!

Seid Ihr dabei?





2. Geschichte:   Der neue Freund




      

„ Heute bin ich gut ausgeschlafen“, Unterwegschen redet mit sich selbst, denn Liegrümchen liegt noch -  rum. Aber er ist wach und liest.

„ Ja, ich auch. Guten Morgen, mein Freund. Ich werde aber noch das Kapitel zu Ende lesen.“

„ Welches Buch liest du denn?“

„ >Latte Igel<, schon alt, aber ein gutes Buch. Hat auch einmal den

>Deutschen Jugendbuchpreis< bekommen: und weißt du, ich möchte einfach mal alle Bücher lesen, die den Preis einmal erhalten haben, dann kenne ich mit Sicherheit die besten Bücher für Kinder, die jemals geschrieben wurden. Ach, wäre ich doch auch ein Schriftsteller…“, träumt Liegrümchen, anstatt zu lesen.

„ Was ist denn mit dem Igel besonderes? Ein Tier von vielen, die im Wald wohnen. Muss man da ein Buch drüber schreiben?“

„Ja, und ob! Dieser Igel ist was Besonderes, er ist mutig und schafft es, den ganzen Wald zu retten, denn es liegt ein Zauber auf ihm. Und das ist sehr schlecht, weil es im Wald kein Wasser mehr gibt und alles droht, zu vertrocknen! Aber Latte ist ein kleiner Held, ach, der gefällt mir. Lass mich jetzt in Ruhe, ich komme später zum Frühstück!“

„ Aha, und wer macht das Frühstück mal wieder?“ denkt Unterwegschen, sagt aber nichts, weil er keinen Krach mag, erst recht nicht am Morgen, der so schön anfängt. Außerdem kann er es ja verstehen, wenn Liegrümchen lesen möchte. Und schon macht er sich mit versöhnlichen Gedanken daran, durch die Buchreihe zu schauen, wo die Bücher von Astrid Lindgren stehen. Zügig denkt er nach, wo sich ein gutes Frühstück versteckt hält und nimmt dann: >Pippi Langstrumpf< raus, schlägt Seite 58 auf, wo man lesen kann, wie Pippi zu frühstücken pflegt, und setzt sich an den Tisch.

„ Frühstück fertig!“ „Was gibt es heute?“ „Kaffee und Käsebrot!“

„ Gut, ich komme“, sagt Liegrümchen und freut sich auch auf Unterwegschens neue Ideen, denn er ist es meistens, der den Tag so prima gestaltet. Während sie sich also die Käsebrote von Pippi schmecken lassen, murmelt Unterwegschen kauend, also kaum verständlich, vor sich hin. Das klingt in etwa so: „Hmhm…, lecker…mhm, Igel besuchen…. Der soll uns auch mal kennen lernen…wird mal Zeit… mhm...köstlich, schwedisches Käsebrot..“

„ Was murmelst du da? Plane mich gefälligst bitte in deine Planungen mit ein, sonst plane ich auch nicht mehr mit dir meine Planungen “, Liegrümchen ist sichtlich beleidigt. Um diesen Zustand abzustellen, schluckt Unterwegschen einmal alles runter, was im Mund „herumkäst“ und erklärt auf verständlichem Deutsch: „ Ich plane heute, zum Naturzentrum zu gehen. Dort können wir, wenn Olly, der Igel, heute Zeit hat, mit ihm die Ausstellung erkunden. Der kennt sich doch da am besten aus. Was denkst du?“ „ Dein Plan ist sehr nett. Aber 2 Igel an einem Tag, hoffentlich hinterlässt das keine stacheligen Spuren…!“ Liegrümchen ist mittlerweile wieder gut gelaunt und hilft bei den obligatorischen Vorbereitungen für einen Ausflug. Die kennt ihr ja?! Ein paar Bücher, ein Rucksack, ein Schmusetuch und Erlebniswillen. Erlebniswillen bedeutet: Augen auf, Ohren auf.

Und dann schlagen sie den Weg rechts rum ein, das ist der nächste Weg zum Naturzentrum. Der Weg dauert aber ein wenig länger als erwartet: unterwegs läuft den beiden eine ganze Schulklasse einer 3. Klasse über den Weg, nein, die Kinder kommen alle von oben, von der Treppe, die vom Jugendgästehaus runter in den Ort führt. Die Kinder haben so einen Schwung und sprühen vor Unternehmungslust, dass die beiden Wichte sich flugs in Sicherheit hinter dem Holzzaun bringen müssen. Und wer hätte das gedacht: der ein oder andere hat die Wichte doch entdeckt und ruft: „ He, Jungs, das glaubt ihr nicht: da vorne sind zwei so kleine Wichtelmänner! Wirklich! Kommt alle schnell  her!“

Na ja, die beiden haben ja nichts gegen Kinder, aber am frühen Morgen schon so ein Lärm? Liegrümchen flüstert Unterwegschen schnell noch: „Tu so, als wärest du ein stocksteifer Gartenzwerg!“, zu und schon stehen die Wichte wie versteinert mitten auf der kleinen Wiese und horchen auf das, was die Kinder nun so von sich geben: „He? Eben liefen sie noch hier rum!“ „Was du nicht sagst, wohl noch am schlafen und träumen, Junge?“ „ Doch, wirklich, wer hat es noch gesehen?“ Einige Kinder melden sich mutig: „Ja, ich habe sie auch eben rumlaufen sehen, das stimmt einfach!“ „ das sind zwei ganz normale Gartenzwerge, die da stehen, ihr Dummpinsel! Los, lasst uns weiter laufen, der Lehrer kommt!“

Na, und dann verschwinden die Kinder einer nach dem anderen mit dem Lehrer im Schlepptau. „ Die werden sich noch wundern...Gartenzwerge…ausgewachsene Wichte sind wir! Das werden die schon noch erfahren, die Bengel“, Liegrümchen fühlt sich in seiner Wichteehre verletzt, dabei hatte er ja selbst die Idee, sich als Gartenzwerge zu tarnen. „ Da siehst du aber mal: nicht alle Kinder sehen uns! Nur die, die mit viel Fantasie durch die Welt marschieren!“ Das sind Unterwegschens abschließende Worte zum Erlebten und stimmt dann lieber ein pfiffiges Liedchen an, um die Laune zu verbessern. Dann nähern sie sich dem Naturzentrum. Jedes Mal, wenn sie über die Holzbrücke gehen, ist das wie eine Eintrittskarte in ein wunderschönes Fantasieland. Der Bach hat jeden Tag eine andere Laune. Jetzt im Sommer ist er eher müde, still und langsam. Das bedeutet für die Kinder aber, dass sie mit Leichtigkeit in ihm laufen können, sonst, z.B. im Frühling, lieber nur dran vorbei…..sagen die Erwachsenen. Danach sichten die Wichte die 3 majestätischen Mammutbäume, wie sie den Eingang zum Naturzentrum recht märchenhaft schön gestalten. Die  Papierbirkenallee grüßen sie heute nur von weitem, weil sie sich heute mit Olly beschäftigen wollen und nicht eine zugegebenermaßen schöne Zeit mit dem Birkenvolk verbringen wollen. Sie hören entfernt ein paar aufgeregte Stimmchen, die klingen etwa so: „Da, die beiden Retter! Oh, danke nochmal! Seid hoch geehrt…und gehuldigt…“  (diese Aussage rührt aus einer anderen Geschichte, die ihr noch nicht kennt!) und irgendwann verstehen Liegrümchen und Unterwegschen die Worte nicht nur akustisch nicht, sondern auch deren Bedeutung nicht mehr. Das Birkenvolk ist nun mal ein adeliges, feines und extravagantes Völkchen.

Die Dame, die an der Information steht, und freundlich jedem Besucher erklärt, was er wissen möchte, sieht die beiden schon von weitem und wundert sich nicht. Sie kennt die Wichte schon von den Erzählungen durch Frau Lange. (auch einen andere Geschichte!) Sie macht auch kein Aufhebens um die außergewöhnliche Erscheinung der Wichte, sondern bedient die beiden wie jeden anderen auch. „ Ja, guten Morgen! Schön, euch zu sehen!“, sie grinst, denn sie ist sich bewusst, was es heißt, sie sehen zu können.

„Guten Morgen, Frau Kirsche, äh, ich meine Frau Kirch! Wir haben heute mal was Zeit…..“ „ Gibt es das denn, dass ihr mal keine Zeit habt? Ihr habt doch fast ewig alle Zeit der Welt?“ „ Nein, nein wir haben ja auch Verpflichtungen hier in Nettersheim. Z.B. Schabernack treiben, auf die kleinen Völkchen aufpassen, erforschen, damit ihr Nettersheimer Menschen etwas mehr wisst, als der Durchschnitt der Archäologen zum Beispiel...( damit spielt er auf die Römerforschung im Steinrütsch an) und Eis essen…und Schriftsteller besuchen…das ist viel Verpflichtung, finden Sie nicht?“


„ Aber ja. Für wen habt ihr denn heute Zeit? Ich muss mich leider entschuldigen, gleich kommt noch der Umweltminister hierher und da muss ich doch noch einiges vorbereiten“, meint Frau Kirch.

„ Sie brauchen wir auch nicht“, sagt Liegrümchen frei weg, dafür bekommt er von Unterwegschen einen Knuffer, der bedeutet:

„Benimm dich bitte etwas wohlerzogener, du Wicht“ und schon erfährt Frau Kirch, dass es ihnen beiden ja leid täte, dass sie heute nicht für sie da sein könne, aber sie wollten doch Olly treffen!

„Den trefft ihr bestimmt oben, ich habe ihn eben noch im Klangbaum gesehen, es könnte sein, dass er dort...eingeschlafen ist, so müde wie er war!“, sie lacht und lässt die beiden ziehen. Ohne Eintrittsgeld, denn ihr wisst: die Wichte haben kein Geld.

Sie klettern behände die Treppe zum oberen Stockwerk hoch, durchqueren die aufgebaute Römerwelt und springen voller Übermut durch die Feucht- und Naßwiesen, begrüßen die Grasfrösche und den Fadenmolch. Die Waldeidechse hat nicht mit so plötzlichem Besuch gerechnet und verschwindet blitzschnell hinter dem nächsten Stein. Das Braunkehlchen zwitschert besonders nett zur Begrüßung  und die Sumpfdotterblume blüht still vor sich hin. Das alles sehen die Wichte zwar, aber sie sind doch mittlerweile richtig aufgeregt und gespannt auf Olly. Sie kommen in den nächsten Raum, sie denken, sie wären im Wald…sind sie auch, denn hier findet man vieles, was unverwechselbar mit einem Wald verbunden ist: Die Tiere, die dort leben, man kann die typischen Geräusche hören, Düfte riechen, sogar unter die Erde schauen. Das kennen unsere Helden ja schon, aber die Kinder und Erwachsenen, die die Ausstellung besuchen, sind mitten in einem Waldparadies und können erfahren, was sie vielleicht noch nicht wussten. Aber wo ist Olly?

„ Es ist ja klar, dass wir hier den Wald erleben sollen, aber einen heilen, denke ich“, sagt Unterwegschen,  „aber ich höre hier auch ein Sägegeräusch. Sind hier die Waldarbeiter am Sägen? Die Bäume sollen doch stehen bleiben!“Unterwegschen ist kurz vorm Augenverdrehen, er ist einfach sehr aufgeregt. Liegrümchen hat jedoch schnell erkannt, was für ein Sägegeräusch das ist: Olly, der schnarchende Igel im Klangbaum!

„Olly! Olly, hier sind Museumsgäste!“ Liegrümchen packt seine schauspielerischen Fähigkeiten aus. Mit tiefer männlicher Stimme erinnert er den schlafenden Olly an seine Verpflichtung als Museumsführer und schon hat er erreicht, was er will: Olly fährt vor Schreck aus dem Schlaf hoch und bleibt mit einigen seiner Stachel im Baum hängen. Und während er sich erst mal berappeln muss, kommen die zwei kaum aus dem Lachen raus: Olly  kommt allein nicht mehr raus!  Eigentlich wollen die zwei hier im Naturzentrum keinen Schabernack treiben, deshalb überlegen sie es sich und helfen Olly ganz geschickt wieder aus der misslichen Situation. Dann endlich löst sich Ollys Anspannung und die drei begrüßen sich erst einmal anständig. Der Igel bückt sich zu den beiden runter und fährt liebevoll mit seiner Pfote über ihre buschigen aprikosenfarbenen Haare. „Ave, seid mir gegrüßt, ihr Besucher. Das ist ja sehr nett, dass ihr endlich auch hierher kommt, ich hatte euch schon lange erwartet!“ „ Guten Tag, Olly. Entschuldige, wir hatten zu tun, aber jetzt sind wir hier!“

Da Olly um einiges größer ist als die beiden Wichte, stellen sie sich beim Sprechen auf die Zehenspitzen, damit sie etwas näher dran sind an Ollys Ohren. Und, ihm zu Ehren, stellen sie ihre Haare in Igelstachelformation. Das geht. Wichte können ihre Frisuren den Umständen anpassen. „Olly! Du bist ja schon echt bekannt hier in Nettersheim! Du standest auch in der Zeitung!“ „ Ja, könnt ihr denn lesen?“ „ Aber natürlich! Und wie, jeden Tag ein Buch“, erklärt Liegrümchen und beim Stichwort „Buch“ fällt ihm auf, dass er Hunger hat bis unter beide Ärmchen.


Fortsetzung folgt!